Warum KI meinen Job nicht übernehmen kann

Jasmin Krivograd

Jasmin Krivograd

24 März 20269 Min. Lesezeit

Künstliche Intelligenz polarisiert wie kaum ein anderes Thema. Zwischen Heilsversprechen der Tech-Giganten und Schlagzeilen über drohende Jobverluste ist die Verunsicherung groß.

Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Die Realität ist deutlich nuancierter, und für den Menschen weitaus hoffnungsvoller, als die Schlagzeilen vermuten lassen.

Eine Zeit des Umbruchs

Eine der meistdiskutierten Fragen der letzten Jahre auf dem Arbeitsmarkt bleibt genauso aktuell wie komplex:

Werde ich durch KI ersetzt? 

Verschiedenste Studien und Berichte lassen einen pessimistisch werden: Massenentlassungen in Unternehmen, die nachweislich auf verstärke Automatisierung zurückzuführen sind, immer weniger Einstiegschancen für Berufsanfänger und prognostizierte Massenarbeitslosigkeit.

Tech-Giganten wie OpenAI Chef Sam Altman oder Mark Zuckerberg selbst kündigen bereits für die kommenden Jahre persönliche Super-KI Assistenten an, die uns demnächst die Kühlschränke befüllen. Warum sollten die dann nicht auch bald meine Arbeit erledigen? In weniger Zeit und für vermutlich viel weniger Geld?

Schaut man ein bisschen weiter, wird klar: KI kann Menschen auf Dauer weder im Unternehmen noch im Alltag komplett ersetzen. Und wenn die Unternehmen das ebenfalls realisieren, werden sie hoffentlich die ein oder andere Kündigung wieder weglegen (oder von ihrem KI-Assistenten in den digitalen Papierkorb verschieben lassen).

 


Der Status Quo und wo er uns hinführt

Vom Chatbot über den Content-Generator bis hin zur internen Datenverwaltungs-Assistenz ist KI im Arbeitsalltag schon jetzt nicht mehr wegzudenken. Sie erleichtert uns viele mühselige und langwierige Tätigkeiten und ermöglicht es uns, den Fokus auf wesentliche Dinge zu setzen. Per se für Unternehmen also eine lukrative Sache.

Die aktuell verfügbaren KI-Programme sind allerdings weit entfernt von der Unfehlbarkeit. Sie sind lediglich, was Experten als „schwache KI“ bezeichnen: Spezialisierte Programme, die eine bestimmte Tätigkeit perfektionieren und ihre Daseinsberechtigung danach ausrichten. Nicht mehr und nicht weniger.

Viel spannender wird es, wenn es an die sogenannte „starke KI“ geht, also eine künstliche Intelligenz, die eigenständig denkt und sich weiterbildet. Wenn wir uns von der Spiegelstrich-Invasion und Händen mit sechs Fingern weiterbewegen in Richtung Bots, die selbständig abwägen, einordnen und dazulernen können, laufen wir dann Gefahr, am Ende doch noch von KI den Rang abgelaufen zu bekommen?

 


KI ist nicht menschlich – oder doch?

Der Mensch hat den schwachen KIs, die wir tagtäglich nutzen, einiges voraus: kritisches & kreatives Denkvermögen, Empathie, die Fähigkeit zu hinterfragen und das Bestreben, zu lernen und etwas zu bewirken. ChatGPT, Gemini und co. unterstützen und vereinfachen unseren Alltag, aber sie brauchen jemanden, der sie bedient, den generierten Content einordnet und bei Bedarf kritisch betrachtet.

Die Entwicklung & Einführung einer AGI (Artficial General Intelligence, zu dt. Allgemeine Künstliche Intelligenz) könnte hier Abhilfe schaffen: OpenAI-Chef Sam Altman selbst spricht von massiven Fortschritten von autonomer KI und Robotik schon in den kommenden Jahren. Die immensen Ressourcen (gute Trainingsdaten, Rechenzentren inkl. Strom), die für solch ein autark denkendes System notwendig sind, tauchen bestenfalls in einem Nebensatz auf. Genug Wissenschaftler in diesem Gebiet hegen entsprechend ihre Zweifel und halten so manche utopische Fantasie für „Silicon-Valley-Größenwahn“.

Das Prinzip von Künstlicher Intelligenz ist immer noch, dass es auf existierenden Werken basierend arbeitet. Es kann Informationen zwar um ein Vielfaches schneller verarbeiten als ein Mensch, das Ergebnis von generativen Prompts wird sich jedoch immer an bestehende Quellen und Tendenzen angleichen. Eine brandaktuelle Studie führt uns das vor Augen. Der Funke, das Neuartige und Unerwartete (ausgelöst durch komplexe Hirnstrukturen und Hormon-Spiele) obliegt weiterhin dem Menschen und ist auch heute nicht ohne weiteres auf KI zu übertragen.

Das bedeutet, dass eine KI in nächster Zeit vermutlich nicht auf einem Wissensstand sein wird, mit dem sie eine Arbeitsstelle 1:1 von einem Menschen übernehmen kann. Und auch wenn es doch irgendwann soweit kommen sollte, heißt das nicht, dass jedes Unternehmen sofort auf den Zug aufspringen und sich in eine Robotisierung stürzen sollte. 

AI Eingabefeld mit Tastatur


Die Big Player und ihre Rolle in der KI-Revolution

Manche gehen so weit und behaupten, die größte Gefahr läge bei den Superreichen, die von dem KI-Boom am meisten profitieren und einen persönlichen Vorteil daraus ziehen, dass Unternehmen ihren ideologischen Zukunftsbildern Glauben schenken. Am Ende sind sie es, die immense Summen in diese Technologie investieren und sie entsprechend für viel Geld verkaufen möchten.

Und wo liegen diese Weltmarktführer? In den USA und in China, zwei Nationen, die bekannt dafür sind, sich in nichts nachstehen zu wollen - auch nicht bei dem Megatrend Künstliche Intelligenz. Dieser Konkurrenzdruck, gepaart mit den hohen Investitionsausgaben, könnte dazu führen, dass die entsprechenden Staaten und damit sowohl die dort ansässigen KI-Hersteller als auch die beziehenden Unternehmen unter Druck geraten und Fachkräfte ersetzen, um schnell Einsparungen zu erzielen und die Oberhand zu behalten.

In Europa allerdings wurden weitaus weniger privatwirtschaftliche Investitionen in KI getätigt. Damit ist der Druck, diese Investitionsgelder schnell auszugleichen und die Angst, im schlimmsten Fall einer platzenden Blase zu erliegen, deutlich geringer. Zum anderen ist die Jobstruktur vor allem in Deutschland viel granularer und daher schwerer, maschinell zu ersetzen, da sie zu viel gedankliches Springen und Mitdenken erfordert.

Es macht also nicht nur einen Unterschied, welches Kerngeschäft man verfolgt, sondern auch, wo man als Unternehmen einen Sitz hat und welche politischen Gegebenheiten damit den Arbeitsalltag beeinflussen. Trotzdem hätte ein massenhafter Ersatz menschlicher Arbeitskräfte durch KI langfristig negative Folgen, die auch Unternehmen in diesen „heißen Zonen“ betreffen.

 


Arbeitskräfte vollständig durch KI zu ersetzen, bringt Unternehmen langfristig nicht viel

Einstiegsstellen in der Tech-Branche, vor allem Junior Coder, werden momentan immer weiter abgebaut, da ein Großteil der Arbeit maschinell erledigt werden kann. Dennoch werden wir auch in Zukunft professionelle Coder brauchen, die mit Soft Skills wie Erfahrung, Durchblick und Anpassung an neue Systeme und Technologien ausgestattet sind. Wie sollen wir davon in 10 Jahren genug haben, wenn die Erfahrenen in Rente gehen und die Einsteiger Probleme haben, Jobs zu finden?

Steigt die Arbeitslosigkeit durch starke Automatisierung, haben Menschen schlicht weniger Geld in der Tasche, und geben entsprechend weniger aus. Ein arbeitsloser Junior-Coder überlegt zweimal, ob er sich das ein oder andere noch leisten kann. Weniger Kaufkraft bedeutet weniger Umsatz. Auch für genau die Unternehmen, die auf KI gesetzt haben. Die erhofften Einsparungen? Nach ein paar Jahren möglicherweise wieder Geschichte., welches sich in den Zahlen gut gemacht hätte. Folglich werden mögliche Einsparungen und Produktivitätsgewinne nach einigen Jahren wieder sinken.

Es ist also im Interesse von Arbeitgebern, ein gutes Gleichgewicht im Arbeitsalltag zu finden und die Vorteile beider Welten zu nutzen: KI hilft bei repetitiven und zeitaufwändigen Tätigkeiten, der Mensch steht federführend dahinter und entwickelt weiter. Jobs müssen nicht zwingend insgesamt weniger werden, sie werden sich aber vom Tätigkeitsbereich und vom Schwerpunkt her verändern – so wie der Junior Coder.

 


Der Mensch ist und bleibt das wichtigste Asset

Technologien, die die Arbeitswelt revolutionieren, hat es schon immer gegeben und wir haben uns als Menschen immer daran angepasst. Aufgaben haben sich verändert, vieles wurde automatisiert, aber insgesamt ist nicht weniger Arbeit entstanden. Was diesmal anders ist: das Tempo. Wenn sich die Welt in wenigen Jahren grundlegend wandelt, ist die Fähigkeit, mitzuhalten, Neues anzunehmen und für sich zu nutzen, ein echter Wettbewerbsvorteil.

Wir sind an einem Punkt, an dem wir es selbst in der Hand haben. Unternehmen haben jetzt die Chance, aktiv zu gestalten, wie Mensch und KI zusammenarbeiten. Der Appell an alle, die diese Entscheidungen treffen: Denkt langfristig, und nehmt die genannten Punkte mit in eure strategische Planung.

Quellen